Gedanken zur "Fairtrade-Stadt" Bad Camberg

25. September 2013
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Im Heft Sommer/Herbst 2013 von "Miteinander", herausgegeben von der Pfarrei St. Peter und Paul Bad Camberg, gibt es einige Beiträge, in denen sich verschiedene Leute Gedanke über "Fairen Handel" und ihre eigenen Einkaufsgewohnheiten machen. Das passt doch wunderbar zur gerade laufenden "fairen Woche".

eine Zusammenstellung von Fairtrade-Produkten mit dem Fairtrade-Siegel
Logo und Foto: TransFair e.V.

Überlegungen zum Fairen Handel

Bad Camberg ist nun also Fairtrade-Stadt. Das heißt, die Stadt verpflichtet sich bei ihren Veranstaltungen fair gehandelte Produkte anzubieten. Auch viele Geschäftsleute haben sich zum Verkauf von Fairtrade-Produkten verpflichtet.

Eine gute Sache. Wir können uns beruhigt zurücklehnen und denken: "Bei uns wird was getan!" In den Supermärkten findet man immer mehr Fairtrade-Produkte - Die Idee, Menschen in der dritten Welt für Ihre Arbeit angemessen zu entlohnen ist aus der belächelten Öko-Ecke heraus und in der Breite der Gesellschaft angekommen.

Peruanische Kaffeebauern sitzen hinter einem Sack Kaffeebohnen
Foto: TransFair e.V. / Christian Nusch
Ist das tatsächlich so? Da brauche ich nur meine ganz persönlichen Kaufentscheidungen anzusehen. Ich finde die Zunahme der Fairtrade-Produkte im Supermarktsortiment prima - gehe aber meist daran vorbei und kaufe günstigere Waren, um mein eigenes Budget zu schonen. Natürlich versuche ich Müll zu vermeiden, Wasser und Energie zu sparen und achte beim Einkauf auf regionale und saisonale Produkte, um Ressourcen zu schützen. Nutze aber häufiger als nötig das Auto, weil das so bequem ist. Ich höre und sehe mit Entsetzen Berichte über die Zustände in den Betrieben, die Textilien für den europäischen Markt herstellen - und muss gestehen, dass auch in unseren Schränken die günstigen Produkte hängen.

In einem kürzlich gehörten Vortrag einer Kaffeebäuerin aus Honduras habe ich erfahren, was alles durch die faire Bezahlung des Kaffees möglich ist: Nicht nur ein ausreichendes und verlässliches Einkommen der Kaffeebauern und deren Familien, sondern auch die Bildung ihrer Kinder und spezielle Angebote (Informationen und Kleinkredite) für Frauen werden finanziert. Außerdem gibt der Zusammenschluss in einer Kooperation eine gewisse Sicherheit gegenüber den Behörden vor Ort. Damit sind die Menschen dort in der Lage, ihre Situation selbst zu ändern.

Gleich an allen Fronten aktiv zu werden ist wohl nur mit einem größerem Budget möglich. Trotzdem sollten wir alle überlegen, an welcher Stelle wir hier bei uns mit ein paar Euros diese wichtigen Schritte unterstützen können. Wenn viele wenigstens ab und an eine bewusste Kaufentscheidung zugunsten der Fairtrade-Produkte treffen, dann hat auch das eine große Wirkung. Bei unseren Veranstaltungen werden vermehrt Fairtrade-Produkte verwendet. Dadurch werden zwar die Erlöse geringer, aber es ist doch viel besser die Produkte fair zu bezahlen, statt einen größeren Gewinn zu erwirtschaften und dann als Spende/Almosen an die Erzeuger abzugeben.

Als weiterführender Gedanke ist es sicher überlegenswert, auch bei uns faire Preise für Produkte und Dienstleistungen zu zahlen. Öfter mal zu Bäcker und Metzger, die ihre Zulieferer genau kennen, als immer die plastikverpackte Massenware aus den Supermarktregalen mit zu nehmen.

der Stand des Ausschuss Weltkirche verkauft Fairtrade Produkte beim Camberger Christkindlmarkt

Mit dem Nicaragua-Kaffee fing alles an

In den frühen 1980er Jahren mussten wir, die wir uns in Arbeitskreisen für die "Dritte Welt" engagierten, einfach den "Solidaritätskaffee" aus Nicaragua trinken. Wirklich gut geschmeckt hat uns der Kaffee ehrlich gesagt eigentlich nie. Und vor allem meine Eltern fanden es gar nicht gut, wenn ich ihnen anlässlich meiner Wochenendbesuche zu Hause diesen Kaffee, mit dem ja ganz offensichtlich Politik gemacht wurde, mitbrachte. Kaufen konnte man den Kaffee nur bei politischen Veranstaltungen und in den wenigen "Dritte-Welt-Läden". Es gab zunächst auch nur diese eine Sorte (wie gesagt: Wirklich gut geschmeckt hat der revolutionäre Kaffee nicht, aber wir tranken ihn tapfer!) - und heute?

ein gedeckter Frühstückstisch
Foto: TransFair e.V.
Nicht nur Weltläden oder Bioläden bieten zahlreiche Kaffeesorten an, sogar in jedem Supermarkt gibt es inzwischen qualitativ hochwertigen, fair gehandelten Kaffee, der zudem meistens noch eine bessere ökologische Bilanz vorzuweisen hat als der traditionell vertriebene Kaffee. Das gesamte Angebot der fair gehandelten Produkte hat sich inzwischen so erweitert, dass es gar nicht mehr sein müsste, Kaffee, Tee, Schokolade etc. anders als fair gehandelt zu kaufen. Auch der Preisunterschied ist für mich als gut verdienende Alleinlebende unerheblich.

Aber: Während es uns früher wichtig war, "keine Früchte der Apartheid" zu essen, nach Möglichkeit sogar die fair gehandelten Bananen in einer riesigen Kraftanstrengung in Mainz abzuholen und die kleinen Bioläden in unserer Gegend damit zu beliefern, geschieht es heute, wo es so einfach geworden ist, fair gehandelte Produkte überall zu erwerben, dass ich gedankenlos so manche Produkte in meinen Einkaufswagen lege, die unmöglich aus fairem Handel stammen können - oder wie kann eine philippinische Ananas denn 99 Cent kosten? Beschämt muss ich mich mit der Frage auseinandersetzen, dass mein bequemer Lebensstil dazu geführt hat, mit dem Auto in den Supermarkt zu fahren und dort alles zu kaufen, von dem ich glaube, dass ich es brauche.

Fairtrade-Produkte beim Camberger Kräutermarkt

Deshalb ist es gut, wenn in unserer Gemeinde regelmäßig die Waren aus fairem Handel angeboten werden, denn das gibt immer wieder einen Anstoß zum Nachdenken und Umdenken, und auch das Einkaufsverhalten ändert sich mal wieder.

Zum Thema Fairtrade: ein roter Einkaufskorb mit Fairtrade Produkten
Foto: TransFair e.V.

Wir kaufen schon seit vielen Jahren Kaffee, Schokolade und Bananen aus fairem Handel und freuen uns, dass es inzwischen weitere Produkte dieser Art gibt. Wir haben Vertrauen in das Fair Trade Siegel und geben für diesen guten Zweck auch mehr Geld für diese Produkte aus.

Wir sind der Ansicht, dass wir es uns nicht auf Kosten anderer gut gehen lassen dürfen. Entlang der Wertschöpfungskette sollen alle gleich profitieren. Auch die Tiere, die uns als Nahrung dienen, müssen fair behandelt werden! Leider gibt es hier kein Fair Trade Siegel, aber Tiere aus ökologischem Landbau liefern gesünderes, weniger belastetes Fleisch und werden artgerechter gehalten.

Für uns ist daher "Öko & Fair" die beste und nachhaltigste Variante für eine gesündere, gerechtere Welt.

ein Mann schneidet mit einem Messer an einer Stange ein Bündel noch grüner Bananen ab
Foto: TransFair e.V.