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GRÜNE beantragen Umbenennung der Rudolf Dietz Straße

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Der Heimatdichter Rudolf Dietz aus Naurod hat nationalsozialistische Ideologien vertreten und verbreitet. Nach ihm ist eine Straße in Bad Camberg benannt. Die Grünen beantragen in der Stadtverordnetenversammlung, die Rudolf Dietz Straße umzubenennen.

Die Fraktion von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN stellt folgenden Antrag:

Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen:

Die Rudolf-Dietz-Straße wird umbenannt.
Der Ausschuss für Kur, Kultur und Tourismus berät über einen neuen Straßennamen.

Begründung des Antrags

Im Rahmen der aktuellen Diskussion um das Verhalten von Ex-Landrat Heinz Wolf in der NS-Zeit hat sich herausgestellt, dass auch der Heimatdichter Rudolf Dietz (1863-1942) aus Naurod, nach dem eine Straße in Bad Camberg benannt wurde, belastet ist.

Rudolf Dietz war Lehrer, wurde 1923 zum Konrektor befördert und 1925 pensioniert. Er hat ca. 1000 Mundartgedichte veröffentlicht, viele im Selbstverlag und zu Werbezwecken. "Diese Gesamtzahl wurde von ihm ... in bewusster Anlehnung an die Märchen aus 'tausendundeiner Nacht' zielstrebig angesteuert. Der Blick auf einige Kostproben seiner poetischen Produktion zeigt sofort, dass Dietz' Werk weder mit seinem großen literarischen Leitstern wetteifern kann noch dem Vergleich Stand hält mit Mundartdichtungen von Format", so das Stadtarchiv Wiesbaden in einer Stellungnahme vom 26. März 2003.

In Wiesbaden-Naurod ist eine Grundschule nach Rudolf Dietz benannt. Zu großen Diskussionen um den Namen dieser Schule kam es ab dem Jahr 2003, als bekannt wurde, dass Rudolf Dietz in mindestens 30 Gedichten die Juden diffamiert und in weiteren Gedichten die Weimarer Republik angegriffen hat, sowie nationalsozialistische Ideologien vertrat und verbreitete.

Das Stadtarchiv Wiesbaden schreibt in einer Stellungnahme vom 4. September 2003:

"Rudolf Dietz hat in einer ganzen Reihe seiner Gedichte antijüdische Ressentiments und Klischees reproduziert. Die jüdische Minderheit wurde dabei zum Ziel eines unverkennbar rassistisch ausgerichteten Spotts.

So hat er keinen Zweifel an seiner Meinung aufkommen lassen, dass die Zugehörigkeit zur jüdischen Minderheit rassistisch determiniert sei, was auch durch den Übertritt zum christlichen Glauben nicht korrigierbar sei: Ein getaufter Jude blieb für ihn doch stets ein Jude, (so z.B. in "Ser aa'genehm!", "Hamlichkeire" und "s' gedaafte Schmulche" ), etwa an seiner "Jurrennas" (Judennase) bzw. "sei' gruß, krumm Nas' (seiner großen krummen Nase) unverwechselbar erkennbar. ... Solche den Juden attestierte äußerlichen Erscheinungen seien - nach Dietz - genauso offensichtlich wie beispielsweise "en Buckel"... Auch an den ihnen von Dietz zugeschriebenen Namen (...) sollen die Angehörigen der jüdischen Minderheit jederzeit unzweideutig identifizierbar bleiben.

Natürlich fehlt in seinen lyrischen Schriften auch ... das Vorurteil nicht, Juden seien keineswegs etwa nur wirtschaftlich besonders erfolgreich, sondern sie plünderten vielmehr die übrige Bevölkerung, besonders aber "die klaane Leit" aus (so z.B. in "For kaa Gaas!"). Außerdem wird Juden eine außergewöhnliche, von Nichtjuden schwerlich überbietbare Verlogenheit attestiert (so in "E' Lihesrickelche").

... Auch Geldgier, gepaart mit Prinzipienlosigkeit, die sogar vor der Verleugnung des eigenen religiösen Bekenntnisses nicht Halt macht, wird Juden unterstellt. ... Auch die jüdische Namensgebung wird durch Dietz wiederholt lächerlich gemacht (so in "Der neue Nome" und Spaßig")."

Das Stadtarchiv belegt weiter ausführlich, wie Rudolf Dietz die Juden als dumm, hässlich, verlaust, verwanzt, streitsüchtig, unehrlich, geldgierig und diebisch herabwürdigt. Auch in begleitenden Zeichnungen zu den Gedichten wurden die Juden abgewertet. Eines seiner Gedichte:

For kaa' Gaas!

Der Moses Goldstein in der Stadt
E' "Warenhaus", e' großes hat.
Des Rossels Fritz vo' Dotzem drauß
Stann letzthi' vir dem "Warenhaus".
Sei' Dante saat: Gih met enin!
Eich kaafe der was Schenes drin!"
Des Fritsche awer saat zur Bas:
"Eich gihn nit met, noch for kaa' Gaas!
Mei' Vater saat letzt: Drin der Jud,
Der micht die klaane Leit kaput!"
(aus: Du liebe Heimat. Tausend und Ein Gedicht in Nassauer Mundart von Rudolf Dietz. Groß-Gerau 1938)

Im Dezember 2004 legte Prof. Dr. Peter Steinbach von der Universität Karlsruhe ein Gutachten vor, das von dem damaligen Wiesbadener Oberbürgermeister in Auftrag gegeben wurde. Darin wird Rudolf Dietz als Mitläufer bezeichnet. Die Sichtweise von Prof. Steinbach wurde von vielen Fachleuten heftig kritisiert. Aufgrund des Gutachtens lehnte die Stadtverordnetenversammlung Wiesbaden im Februar 2005 mit den Stimmen von CDU, FDP, Republikanern und dem Ex-Republikaner Hirzel eine Namensänderung der Schule in Naurod ab. Doch die Diskussion in den städtischen Gremien in Wiesbaden um die Namensgebung setzte sich 2007 und 2008 fort und ist bis heute nicht abgeschlossen.

Nach der Vorlage des Gutachtens von Prof. Steinbach sind weitere belastende Fakten gegen Rudolf Dietz aufgetaucht. So präsentierte im März 2006 Prof. Steinbach selbst eine Auswertung der Tagebücher von Dietz. Notizen belegen die Mitgliedschaft des Dichters im 'Deutschbund' und die Freundschaft zu dem einflussreichen und überzeugten Wiesbadener Nationalsozialisten Walter Minor, durch den 1933 die "Gleichschaltung" der Volkshochschule wie auch des Volksbildungsvereins Wiesbaden radikal durchgeführt wurde.

Beim 'Deutschbund' handelte es sich um eine völkisch-faschistische, rassistische und antisemitische Organisation in der Weimarer Republik, die bereits 1921 das Hakenkreuzsymbol der Nazis übernommen hatte. Schon 1930 war die gesamte Leitung des 'Deutschbundes' der NSDAP beigetreten. Rudolf Dietz hat dies im April 1933 getan (Mitglieds-Nr. 2367714) [Stadtarchiv Wiesbaden]. Dafür bestand bei ihm kein beruflicher Grund, da er schon acht Jahre vorher pensioniert worden war. Rudolf Dietz trat später auch in andere NS-Organisationen ein, so z. B. in die 'Nationalsozialistische Volkswohlfahrt'. In mehreren Gedichten bejubelte er die Machtergreifung Hitlers, so in dem folgendem Lied vom 30. Juli 1933 (Stadtarchiv Wiesbaden):

Deutsches Reichslied

Tief im Rhein lag Schild und Wehre,
Und im Staub lag uns're Ehre,
Schwer bedrückt das Vaterland,
Bittre Sorge, harte Hand.
Da verschwand die dunkle Wolke,
Da entstand im deutschen Volke
Jäh ein Aufstieg stolz und steil,
Unserem Führer Sieg und Heil.
Wo in träger Ruh' ohn' Ende
Lagen still Millionen Hände,
Regt sich froh beim Hitlergruß
Herz und Hirn und Faust und Fuß.
Und am Sonnentag wir stehen
Hoch auf uns'rer Heimat Höhen,
Seh'n, wie über Berg und Tal
Bricht des Sieges Feuerstrahl.
Und es weh'n die alten Farben
Derer, die für uns einst starben,
In der Flagge, Heil, Hurrah,
ist das Weiße wieder da!
Einig unterm Hakenzeichen
All' wir uns die Hände reichen,
Nie mehr trennt ein fremder Keil
Uns're Treuschar - Hitler Heil!

In einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom 1. April 2003 mit dem Titel: "Ein willfähriger Verkünder der Nazi-Ideologie" berichtete der damals 87 Jahre alte Werner Prediger, er habe als Abiturient des Wiesbadener Leibnitz-Gymnasiums den Mundartdichter Rudolf Dietz 1936 kennen gelernt. Damals hätten die Nazis um die Gunst der Jugend gebuhlt. Mit vielen Festen sollten die Schülerinnen und Schüler auf das Dritte Reich und seine Führung eingeschworen werden. Häufig wurde dazu ein treuer Gefolgsmann der Nationalsozialisten eingeladen - der nassauische Mundartdichter Rudolf Dietz. "Der hat uns Schülern seine Verse vorgetragen", berichtete Werner Prediger. Und zwar nicht die harmlosen, derentwegen der Heimat-Poet bis heute von einigen geschätzt wird, sondern jene Gedichte, die die neuen Machthaber verherrlichten und die Juden verunglimpften. ... Besonders infam: Unter Werner Predigers Mitschülern befanden sich damals noch jüdische Mitbürger. "Die haben sich das alles mit anhören müssen", erzählt Werner Prediger mit Abscheu.

Nicht nur in Schulen trug Rudolf Dietz seine antisemitischen und faschistischen Gedichte vor, auch versuchte er, wie beim Sichten seines Nachlasses im Stadtarchiv Wiesbaden ersichtlich wird, sich bei den Nationalsozialisten anzudienen und bei den entsprechenden Stellen seine Gedichte anzubieten. So konnte ihm z.B. am 3. Dezember 1934 der "Gaupropagandaleiter und Leiter der Landesstelle Hessen-Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda" mitteilen: "Sie sind vorgesehen, an dem Gelingen des Tages der nationalen Solidarität am 8.12. durch einen kurzen Rundfunk-Vortrag mitzuhelfen ... Der Vortrag wird durch den Reichssender Frankfurt auf Metallophon-Platten aufgenommen."

Und die "S.A. der N.S.D.A.P. - Sturm 8 / 80 - Wiesbaden Dotzheim" teilte ihm am 29. Oktober 1935 mit: "Der S.A. Sturm 8/80 beabsichtigt am Samstag, den 16. November im Turnerheim Dotzheim einen Bunten Abend zum Besten des Winterhilfswerkes durchzuführen. Wir bitten Sie um Ihre Mitwirkung an diesem Abend." Das Nassauische Volksblatt schrieb dazu am 22.11.1935 in der Rubrik "Wiesbaden-Dotzheim" unter der Überschrift "Bunter Abend der SA.: "Unser Heimatdichter Rudolf Dietz fand mit zahlreichen alten und neuen Gedichten in Nassauer Mundart dankbare Zuhörer."

Am 26. April 2003 schrieb das Stadtarchiv Wiesbaden in einer Stellungnahme: "Aus alledem geht hervor, dass Rudolf Dietz als überzeugter Antidemokrat und Antisemit zu charakterisieren ist, ein von seiner Denkhaltung Überzeugter, der zur Traditionspflege des "dritten Reiches" gewiss hervorragend geeignet gewesen wäre, nicht jedoch von einem freiheitlich-demokratisch verfassten Gemeinwesen bemüht werden sollte, das sich durch das Grundgesetz zu "unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt" bekennt und folgerichtig auch jedem Rassismus eine scharfe Absage erteilt."

Wir meinen: Die Benennung einer Straße nach Rudolf Dietz ist unserem Gemeinwesen unwürdig!

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN
Dieter Oelke, Fraktionsvorsitzender
www.gruene-badcamberg.de