Taunusschüler tief bewegt von den Erzählungen der Zeitzeugin Lilo Günzler

12. Mai 2012
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Bad Camberg, Mai 2012 - In der Taunusschule Bad Camberg wurde Geschichte lebendig. Lilo Günzler berichtete den Schülern, wie sie, als Halbjüdin, und ihre jüdisch-katholische Familie den Nationalsozialismus er- und überlebte.

"Du kommst mit!", sagte die Mutter zu der damals zwölfjährigen Lilo Günzler, als sie und der Halbbruder des Mädchens im Februar 1945 mit dem letzen Transport nach Theresienstadt deportiert werden sollten. Noch lange Zeit nach der NS-Schreckensherrschaft trug Lilo Günzler ihrer Mutter nach, dass diese sie zwang, den Schmerz und die Erniedrigung bei der voraussehbaren Trennung zu ertragen. Erst viel später verstand die heute bereits betagte Frau den Entschluss ihrer Mutter, denn sie sollte beauftragt sein, die Geschehnisse weitererzählen, und das tat Lilo Günzler auch nach langer Zeit des Schweigens. In der Taunusschule berichtete sie 55 Schülerinnen und Schülern der 10. Realschulklassen und den begleitenden Lehrerinnen Christa Hicking und Barbara Worret-Beier über ihre "Kindheit als Halbjüdin im Nationalsozialismus". Mit viel Emotion, aber ohne jegliches Pathos erzählte die kleine, freundliche und vor allem sehr gelassene alte Dame, der man die alptraumhafte Kindheit nicht im Geringsten ansah, ihre Lebensgeschichte, mit der sie die Taunusschüler tief berührte.

ilo Günzler sitzt am Tisch und schreibt etwas in ein Buch
Lilo Günzler, die als Zeitzeugin zu Gast in der Taunusschule war, signierte nicht nur ihre Bücher, in denen sie ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hat, sie schrieb auch allen Schülern, die ihr Buch erwarben, ein paar persönliche Zeilen.
Lilo Günzler kam kurz vor der Machtergreifung Hitlers als Kind einer jüdischen Mutter und eines sogenannten "arischen" Vaters in Frankfurt am Main zur Welt. Später wurden sie, ihr Bruder und ihre Mutter katholisch getauft: ein hilfloser Versuch, dem drohenden Antisemitismus in Deutschland zu entkommen. Die ersten 5 Jahre ihres Lebens behielt sie in guter Erinnerung. Doch der kurzen Zeit der Sorglosigkeit und Unbekümmertheit setzte ein furchtbares Ereignis ein jähes Ende. Ein Feuerinferno, entfacht durch die Nationalsozialisten, wütete am Tag nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 durch Frankfurt und zerstörte Synagogen, jüdische Geschäfte und Häuser. Lilo Günzler beschrieb die fassungslosen Juden, die brennenden, einstürzenden Fassaden der Gotteshäuser, die randalierenden, sich mit den Schandtaten brüstenden Faschisten, die schweigende Masse und die Tränen ihrer Mutter. "An diesem Tag endete meine Kindheit", fügte sie hinzu. Danach folgte ein entsetzliches Geschehnis dem anderen. Lilo Günzler berichtete, wie die Familie 1943 in ein so genanntes "Judenhaus" in Frankfurts Innenstadt umziehen musste, da eine Nachbarin nicht mehr "mit einer Jüdin unter einem Dach wohnen wollte." Die Angst war nun ihr ständiger Begleiter, auch in der Schule. Dort durfte sie "um keinen Preis auffallen." "Verhalte dich still und mach alles, was man dir sagt", sprach ihre Mutter mit Nachdruck am Tag ihrer Einschulung. Ebenso ruhig wie emotional fuhr Lilo Günzler fort mit der Schilderung der Deportation ihrer Mutter und ihres Bruders 1945. Auch ihr Vater musste sie verlassen, da er zum Volksturm eingezogen wurde. Schließlich kehrten im Juni 1945 auch ihre Mutter und ihr Bruder unverletzt aus Theresienstadt zurück. Die ganze Familie überlebte, wie durch ein Wunder.

Lilo Günzlers Erzählungen beeindruckten die Schüler sichtlich. Jan Schönherr, Lehrer an der Taunusschule, der bereits zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit Angela Wagner-Bona vom "Aktiven Museum Spiegelgasse" in Wiesbaden und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung eine Zeitzeugin in die Schule eingeladen hatte, erklärte: "Meine Kolleginnen und ich haben das Gespräch mit Frau Günzler in das Unterrichtsthema "Judenverfolgung im Nationalsozialismus" eingebunden. Wichtig war uns, den Schülern zu verdeutlichen, dass wir Glück haben, in einer Demokratie zu leben, und dass sie später die Verantwortung haben, demokratische Werte mit ihrer Stimme zu verteidigen. Außerdem war uns wichtig, an die Gräueltaten der Nazis zu erinnern und den Schülern bewusst zu machen, dass so etwas nie wieder passieren darf." Zur Sprache kam auch, dass niemand aufgrund seiner Religion oder seiner Herkunft verfolgt werden darf, und jeder in einem Willkürstaat von Terror betroffen sein könnte. Die Bedeutung des Wortes Zivilcourage erfuhren die Schüler, als Lilo Günzler an mehreren Stellen die glückliche Fügung ihres Schicksal beschrieb, indem mutige Menschen ihr geholfen haben, die dem Wahnsinn des NS-Regimes Widerstand leisteten, die bei aller Unterdrückung und Verfolgung an ihren Idealen festhielten und so die Menschlichkeit in einer unmenschlichen Gesellschaft bewahrten. (Text und Fotos Julia Schlösser)

www.taunusschule-badcamberg.de

Lilo steht zwischen Schülern der Taunusschule Bad Camberg