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Eskimo Limon 9

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Eskimo Limon 9 - Ein Roman von Sarah Diehl

Vor einem frisch verputzten Reihenhaus in einem kleinen hessischen Dorf fährt ein Taxi vor. Auftritt Familie Allon aus Tel Aviv: Vater Chen, Mutter Ziggy und der elfjährige Eran beziehen ihr neues Heim. Während die Allons sich gemütlich einrichten, stellt sich für die alarmierte Dorfgemeinschaft die bange Frage: Wie geht man mit den Neuen um?

Während sich Chen in die Arbeit stürzt und Ziggy versucht, sich mithilfe des altlinken Dorfkauzes Rainer Koffel in der neuen Heimat zurechtzufinden, klärt Eran seine interessierten Mitschüler darüber auf, dass die Eis am Stiel-Filme, anders als von der Dorfjugend vermutet, nicht aus Italien, sondern aus Israel kommen - wo sie Eskimo Limon heißen. Während also kein Mangel an Gesprächsstoff besteht und die Voraussetzungen für eine gelungene Integration eigentlich bestens sind, verspürt die Dorfbevölkerung das zunehmende Bedürfnis, unter Zuhilfenahme der Zugezogenen das Dritte Reich aufzuarbeiten. Dabei tritt in einem Reigen von Missverständnissen die Wahrheit zutage: Die Deutschen wissen zwar vieles über Judenvernichtung - aber kaum etwas über Juden...

Das Buch, in Berlin erschienen, geschrieben von der in Bad Camberg-Erbach geborenen Autorin Sarah Diehl, spielt vorwiegend in Brechen und Camberg. Kenner der regionalen Szene werden Charaktere und Schauplätze unzweifelhaft wiedererkennen. Witzig, informativ und mit dem liebevollen Blick der Großstadt auf die mittelhessische Provinz.

Buchbesprechung von Martina Hartmann-Menz

Was geschieht, wenn eine durchschnittliche Familie in die mittelhessische Provinz zieht? Was für eine Frage - dürften sich die meisten denken - so etwas ist doch normaler Alltag und eigentlich nicht der Rede wert.

Was aber geschieht, wenn eine Familie aus Israel in die mittelhessische Provinz, nämlich nach Niederbrechen zieht; auf diese nicht ganz alltägliche Fragestellung versucht Sarah Diehl, die aus Bad Camberg stammende, in Berlin lebende Schriftstellerin und Filmemacherin eine Antwort zu geben.

In einer gründlichen Durchmischung von fiktionalem und dokumentarischem Romanstoff, der keineswegs nur in Brechen, sondern auch in Bad Camberg angesiedelt ist, lässt die offenkundige Insiderin der dortigen Historikerszene unterschiedliche Protagonisten interagieren. Diese werden in der zuweilen amüsanten, auch nachdenklich stimmenden und selten zähen Handlung des Erstlingsromans Kronzeugen und Akteure der These Adornos, wonach es ein Nachleben des Nationalsozialismus, besser: der ihn bedingenden Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der bundesrepublikanischen Gesellschaft gibt. Dies aber in ganz unerwarteter Weise: Wer sich in dem gut 300 seitigen Buch nämlich auf die Suche nach einer anklagenden Dokumentation regional fassbaren Antisemitismus macht, wird kaum fündig werden - und soll es auch nicht. Vielmehr besteht das Erbe der Vergangenheit in Diehls Werk darin, dass ein unbefangener, die jeweilige Kultur interessiert erkundender Zugang zwischen Deutschen und Israelis aufgrund ihrer Geschichte erschwert ist - dies vor allem auf Seiten der Nachfahren der Täter-Generation und viel ausgeprägter auf dem Lande als in der Stadt. (Weite Passagen der Handlung spielen in Berlin und dort sind die Verhältnisse erkennbar andere.)

Das uns auf der ersten Seite des Romans begegnende, auf eine Hausmauer in Brechen geschmierte Hakenkreuz dient als Provokation und gleichzeitig als ironische Metapher kleinstädtischer Weißwascherei denn es wird, obwohl es sich dort schon seit langer Zeit befindet, wegen der Neuen (also der aus Israel Zugereisten) rasch übertüncht. In diesem Sachverhalt verdeutlicht die Autorin exemplarisch, worum es im Buch geht.

Unter der Oberfläche einer ostentativ um Toleranz bemühten, kleinstädtisch-dörflichen Gesellschaft brodelt das Erbe einer nur spärlich bereinigten Vergangenheit. Als Resultat zeigen sich Unsicherheit, sowie eine zuweilen peinlich um andauernde Selbstbezichtigung bemühte Haltung gegenüber den Neubürgern aus Israel, die automatisch reflexhaft dem Judentum zugeordnet werden, obwohl sie alles andere als religiös sind. Während der Holocaust, ob ausgesprochen oder nicht, als Dauer-Topos zwischen den Handlungen der Erwachsenen steht, sind die Jugendlichen in der Lage, historische Tatsachen zumindest drastisch zu benennen. So lässt die Autorin den Sohn der israelischen Familie, Eran, mit seiner Schulfreundin Manuela auf einer Parkbank sitzen und diese anmerken, dass Erans Vorfahren von den ihren vergast worden seien, wobei Eran dann noch die Lampenschirme erwähnt, die aus Menschen hergestellt worden seien.

In anderen Szenen spielt die Herkunft Erans keinerlei Rolle und man wendet sich gruppenweise, ohne Beachtung der Herkunft und ganz entspannt, altersentsprechenden Freizeitbeschäftigungen zu, von welchen die Eltern möglichst keine Kenntnis erlangen sollten.

Die Erwachsenen hingegen scheinen viel von dem im Roman ausgiebigst konsumierten Alkohol zu benötigen, um locker miteinander umgehen zu können. Dies betrifft auch Koffel, jenen geschichtsbewussten Gutmenschen und Kumpel von Erans Mutter, Ziggy, den sie bald nach ihrer Ankunft ausfindig macht. In weitgehender Abwesenheit von Ziggys karrierefixierten Ehemann Chen machen Koffel und sie die Kneipen in der Umgebung von Camberg und Brechen unsicher.

Vielleicht eröffnet der Sachverhalt, dass das Verhältnis zwischen Ziggy und dem deutlich älteren Koffel platonisch bleibt, noch weitere Deutungsmöglichkeiten in der Analyse des Status einer bei weitem noch nicht bereinigten gemeinsamen Vergangenheit. Die Ungelenkheit im Umgang miteinander, letztlich das vollständige Unwissen über heutige Israelische Kultur (dem das Buch seinen Titel verdankt, was allerdings ein wenig erklärungsbedürftig ist) wird symbolhaft in einem der Camberger Realität entlehnten Motiv karikiert, das den gesamten Roman durchzieht: Die Aktivisten des regionalen Verschönerungsvereins haben den Plan gefasst, eine mitten im Dorf befindliche Schrottimmobilie, in der sich ehemals die Judenschule befand, politisch korrekt und kulturell-touristisch gewinnbringend zu entsorgen. Dies auch deswegen, weil der vormalige Besitzer, der Betreiber einer Autowerkstatt, keinerlei Interesse geschweige denn Finanzmittel hat, den Abriss selbst zu bezahlen. Ein Gebäude, das im Gegensatz zur Synagoge überlebt hat, und das sich gerade deswegen anbietet, weil es nur bis ins 19. Jahrhundert als Judenschule genutzt wurde. So steht es in keinerlei Verbindung mit dem Holocaust und ist gerade deswegen der Ort, wo mit Klezmermusik, Vortragsraum und Seminarangeboten auch und gerade für die Kurgäste das Vielleicht eröffnet der Sachverhalt, dass das Verhältnis zwischen Ziggy und dem deutlich älteren Koffel platonisch bleibt, noch weitere Deutungsmöglichkeiten in der Analyse des Status einer bei weitem noch nicht bereinigten gemeinsamen Vergangenheit. Die Ungelenkheit im Umgang miteinander, letztlich das vollständige Unwissen über heutige Israelische Kultur (der das Buch seinen Titel verdankt, was allerdings ein wenig erklärungsbedürftig ist) wird symbolhaft in einem der Camberger Realität entlehnten Motiv karikiert, das den gesamten Roman durchzieht: Die Aktivisten des regionalen Verschönerungsvereins haben den Plan gefasst, eine mitten im Dorf befindliche Schrottimmobilie, in der sich ehemals die Judenschule befand, politisch korrekt und kulturell-touristisch gewinnbringend zu entsorgen. Dies auch deswegen, weil der vormalige Besitzer, der Betreiber einer Autowerkstatt, keinerlei Interesse geschweige denn Finanzmittel hat, den Abriss selbst zu bezahlen. Ein Gebäude, das im Gegensatz zur Synagoge überlebt hat, und das sich anbietet, weil es nur bis ins 19. Jahrhundert als Judenschule genutzt wurde. So steht es in keinerlei Verbindung mit dem Holocaust und ist der ideale, weil unproblematische Ort, wo mit Klezmermusik, Vortragsraum und Seminarangeboten auch und gerade für die Kurgäste das kleinstädtisch-folkloristische Konzept eine junge Frau in Jeans und weissem Pulli lehnt an der Wand Foto: Frank Schwarz der Facetten jüdischen Lebens in museumstauglicher Aura dargeboten werden soll - denn: Juden gibt es hier ja keine mehr, folglich stehen der museal-konservierenden, in die Vergangenheit blickenden Deutung des Geschichtsvereins Tür und Tor offen. Die real Betroffenen können ja nicht mehr mitreden.

Sarah Diehl gelingt in ihrem Erstlingsroman die amüsante, meist gut lesbare Beleuchtung des Verhältnisses zwischen (christlichen) Deutschen und (jüdischen) Israelis auf ungewöhnliche, weil humorvolle Weise, ohne dass die zugrundeliegende Problematik des gemeinsamen, schweren Erbes ausgeblendet wird. Gerade wenn dieses als Topos auftaucht, wird der nächste Lacher, meist in der Prägung teilweise bitterbösen schwarzen Humors, schon vorbereitet. Der im pädagogischen Impetus erhobene Zeigefinger fehlt vollständig - der Autorin sei Dank! Manche der Charaktere könnten tiefer und facettenreicher gezeichnet sein; dies jedoch tut der grundlegenden Botschaft des Erstlingswerks keinen allzu starken Abbruch. Ein kleiner Schritt hin zu einer Normalität zwischen der Generation der Urenkel nach dem Holocaust, deren Anliegen es ist, Geschichte nicht auszublenden, sondern aus ihrem Schatten herauszutreten, um so ihren eigenen, selbstbestimmten Umgang mit ihr auszuloten. Jenseits von national-religiösen Stereotypen und ohne die alleinige Zentrierung auf den Holocaust, die oftmals genug deutliches Indiz einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit ist.

Sarah Diehl
Eskimo Limon 9
Atrium-Verlag 2012
ISBN: 3-85535-071-X
ISBN-13: 978-3-85535-071-1
320 S., 19,95 Euro

 

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