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Walters Vögel

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kleines Foto Fallschirmspringer halten sich an den Händen und bilden einen Kreis

TV-Doku: "Walters (schräge) Vögel" waren die Wegbereiter des modernen Fallschirmsports

Die Pilotenlegende aus Bad Camberg hat auch als Skydive-Pionier Geschichte geschrieben

Der Mann zählt zu den schillerndsten Figuren am Himmel Europas und zeigt, obwohl er mittlerweile auch schon 77 Jahre auf den Holmen hat, noch keinerlei Neigungen, sich auf ein reines Fußgängerdasein zu reduzieren. Im Cockpit eines Flugzeugs fühlt sich Walter Eichhorn nach wie vor am wohlsten. Erst im vergangenen Jahr haben er und sein gen-erblich entsprechend vorbelasteter Sohn Toni sich zwei neue Hochleistungsmaschinenvom Typ EXTRA-LT 330 zugelegt, mit denen sie in ihrer Post-T6-Ära bei Airshows im In- und Ausland Formationskunstflug vom Feinsten präsentieren. Was viele nicht wissen: Das Piloten-Urgestein aus Bad Camberg gehört(e) hier zu Lande auch zu den Pionieren und Wegbereitern des modernen Fallschirmsports. Anno 1972 hatten er und seine nicht minder (Adrenalin) besessenen Freunde über St. Johann in Tirol die erste 10-er-Formation Europas hingelegt. Und das war damals eine Sensation. Der "verrückte Haufen spaßbesessener Individualisten", dem die 15 wagemutigsten Sportspringer Deutschlands angehörten und für die für dieser Sport so eine Art mentales Grundnahrungsmittel war, nannte sich nach dem Vornamen ihres Teamchefs "Walters Vögel". Ein Name, der in den Annalen des Skydivings ganz dick unterstrichen ist.

Walter Eichhorn erzählt in der Fernsehsendung

Plauderte televisionär aus dem Adrenalin-lastigen Nähkästchen: Flugkapitän i.R. Walter Eichhorn aus Bad Camberg. Er war Gründer und Teamleiter der mit "Walters Vögel" nach ihm benannten legendären Fallschirmmannschaft. Foto: Servus-TV-Screenshot (Foto groß anzeigen)

An diese aufregende und spannend Zeit aus den Kinder- und Jugendtagen des Relativspringens erinnert eine sehenswerte vierteilige Dokumentation, die in diesen Wochen von dem österreichischen Fernsehsender Servus-TV ausgestrahlt wird. "Pioniere des freien Falls". Am 22. Februar 2014 (Wdh. am 23. und 26.) wird die dritte Folge und am 1. März 2014 (Wdh. am 2. und 5.) der letzte Teil gesendet. Die bereits ausgestrahlten Folgen können zudem in der Mediathek des Senders abgerufen werden: www.servustv.com.

Ein wilder Haufen

Namensgeber Walter Eichhorn war die treibende Kraft, der Maitre de Plaisir, des Kommando- Unternehmens "Piepmatz". Und er war wohl auch der Fanatischste von allen, einer, dessen natürlicher Autorität sich die von der gleichen Idee beseelten Kollegen unterordneten, mitunter allerdings zähneknirschend. Einmal ein (ehrgeiziges) Ziel vor Augen, sei er "absolut humorlos, gnadenlos und kompromisslos" gewesen, erinneren sich seine Mitstreiter. Aber sonst, räumen sie ein, wäre "dieser wilde Haufen" auch nie so weit gekommen. Und das Ziel lautet zunächst: Der Bundeswehr die Vorherrschaft auf diesem Feld des Luftsportes streitig zu machen.

Fallschirmspringer halten sich an den Händen und bilden einen Kreis

Anno 1972 eine Sensation: Die "schrägen Piepmätze" bildeten die erste aus zehn Springern bestehende Formation am europäischen Himmel. Auf diesem Foto hat der "Stern" allerdings elf Zacken. Weil's im Training so gut lief, hatte sich der Ersatzmann mal eben mit eingereiht. Vorne in der Mitte (weißer Helm) Walter Eichhorn. Foto: Peter Böttgenbach (Foto groß anzeigen)

In dieser Zeit entwickelte sich neben dem klassischen Ziel- und Stilspringen, das das deutsche Militär unerreichbar dominierte, als neue Disziplin das Formationsspringen. Hier witterten die Jungs um Flugkapitän Eichhorn ihre Chance. Sie betraten mehr oder weniger Neuland. Zivile Fallschirmspringer waren Anfang der 70er Jahre gegen die Armee-Hüpfer eigentlich chancenlos. Letztere verfügten über bessere Trainingsbedingungen und das bessere Equipment und brauchten für ihre Sprünge zudem auch nichts zu bezahlen. Dienst ist schließlich Dienst, und Schnaps ist Schnaps. Folge: Die Stahlhelm-Fraktion gewann jede Meisterschaft und jeden Wettbewerb, während die zivilen Kollegen unter "ferner liefen" rangierten. Aber dann schlüpften "Walters (schräge) Vögel", wurden flügge und begannen zu zwitschern. Die abgedrehte Truppe, deren Mitglieder der "Chefe" in Hamburg, Kiel, Köln, München, Freiburg, Stuttgart und auf dem Westerwald rekrutiert hatte, gewann in Folge drei Deutsche Meisterschaften und holte 1973, 1974 und 1975 dreimal WM-Bronze. In Folge sorgte das Team als Showact auf zahlreichen internationalen Airshows für Furore.

Die Lebensphilosophie der "Paraholics"

Adrenalin war der Stoff, der die Männer zusammenschweißte und sie das überlieferte Musketier-Motto "Einer für alle, alle für einen" adaptieren ließ. Im Rausch des freien Falls fand ihre Sucht kollektive Erfüllung. Wie diese "Speedstars" drauf waren und tickten, belegt das überlieferte Zitat eines der Ihren, des Kölners Peter Rast: "Ein Leben ohne Skydiven ist möglich, aber es ist sinnlos!" Da erübrigt sich jeder weiterer Kommentar. Fallschirmspringen war das Einzige, das im Dasein dieser wilden Kerle, die sich selbst als "Paraholics" bezeichneten, zählte. Aber es war in der Rückschau nur eine kurze, aber ungemein erfolgreiche und intensive Episode in der Jahrzehnte langen aero-tischen Karriere Walter Eichhorns. Als Jumper hat er sich 2000 mal in die Tiefe gestürzt, ein Zehnfaches an Flugstunden als verantwortlicher Pilot weist sein persönliches Bordbuch aus. Und darin sind noch etliche Seiten frei.

ein Mann steht am Propeller seines Flugzeugs

Walters große Liebe: Kein Pilot weltweit hat mehr Flugerfahrung mit und auf der legendären Messerschmitt Bf(Me)109. Kurzer Zwischenstopp auf des Bad Cambergers Lieblings-Airport, dem Siegerland-Flughafen. Foto: Uwe Janssen (Foto groß anzeigen)

Der Fernsehjournalist Christoph Gottwald aus Köln ist den Spuren von fünf Team-Angehörigen gefolgt, hat sie zu Hause aufgesucht und "gelöchert". Er traf in Walter Eichhorn in Bad Camberg, Dr. Hanshelmut Thiele (Bruchsal), "Crazy-Krauth" Werner Fleig (Elmshorn) Hartmut "Hardy" Huber und Marwig "Wiggerl" Herzog (beide München) auf quietschfidele und prächtige, ihrer Sturm- und Drang-Zeit schon etwas entrückte Herren, die aber nur ob der Anzahl ihrer Lebensjahre als "betagt" durchgehen und sich so gar nicht "altersgerecht" verhalten. Springen bzw. Fliegen tun sie immer noch. Und sie hatten viel zu erzählen, Kurioses, Spannendes, Unglaubliches. Sie schildern ihre Sicht der Dinge aus einer Zeit, die längst Geschichte ist und in der sie selbst Geschichte geschrieben hatten.

ein Mann im Cockpit eines Flugzeugs

Im Cockpit seiner "ollen" North-American T-6 fühlt sich der "Stifftekopp" auch heute mit 77 immer noch am wohlsten. Foto: Servus-TV-Screen-Shot (Foto groß anzeigen)

Das Feuer der Leidenschaft für's Skydiving brennt, wenn auch vielleicht in ganz leicht abgeschwächter Form, in einigen der in Ehren Ergrauten, die heuer weit jenseits der 70 sind, noch immer. Walter Eichhorn hat sein Packerl eigentlich schon längst ausgemustert, aber ab und zu biss ihn doch noch mal die Maus. Seinen letzten Sprung hat der "Stifftekopp" vor 5 Jahren gewagt, seinen letzten Flug gestern. Aber es soll natürlich noch lange nicht der letzte Take-Off gewesen sein. Das Fliegen hat den Lufthansa-Kapitän i.R. ihn jung und fit gehalten.

zwei Männer stehen vor einem Flugzeug

Die Pilotenlegende und der Weltstar: Walter Eichhorn und Tom Cruise lernten sich bei den Dreharbeiten zu "Valkyrie" kennen und verstanden sich auf Anhieb. Am Rande des Sets gab es für beide nur ein Thema: Das Fliegen. Foto: Ulli Willbold (Foto groß anzeigen)

Skydive-"Opas" peilen neuen Weltrekord an

Einige Ex-Bewohner des Walter'schen Vogelnestes wollen nächstes Jahr gemeinsam mit anderen Freefall-Senioren in den USA einen neuen Weltrekord in der Klasse "Ü 70" im Formationsspringen aufstellen. Respekt vor solchen Leuten! JÜRGEN HEIMANN

PS: Den etwas ausführlicheren Bericht über Walters Vögel sowie weitere Fotos findet man auf der Blogseite von Jürgen Heimann www.rotorman.de/walters-schraege-voegel-waren-pioniere-des-modernen-fallschirmsports und mehr Informationen zu Walter Eichhorn gibt's auf der Website von Walter und Toni Eichhorn www.t6-team.de.