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Paula und Siegfried Seligmann Bachenheimer

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eine mit Namen und Daten beschriftete Messingplatte
Dokumentation Stolpersteine Bad Camberg 2014

Bad Camberg, Frankfurter Str. 8

Porträtfoto eines Mannes Porträtfoto einer Frau ein grauer Grabstein Grab Paula Bachenheimer Grabstelle HA 4 008 neuer jüdischer Friedhof Frankfurt am Main

Siegfried Seligmann Bachenheimer

Geburtsdatum: 08.03.1871, Holzhausen-Rauischholzhausen
Deportation: ab Camberg 20.07.1942 über Limburg/Lahn
nach Frankfurt am Main,
dort ab 22.07.1942 in "Untersuchungshaft",
am 19.09.1942 KZ Mauthausen
Tod: 25.09.1942, Mauthausen

Pauline Bachenheimer geb. Stern

Geburtsdatum: 12.06.1869, Wolfhagen bei Kassel
Deportation: ab Camberg 20.07.1942 über Limburg/Lahn
nach Frankfurt am Main,
Tod: 19. 08.1942, Frankfurt am Main

Die Eheleute Pauline (genannt Paula) und Seligmann Siegfried Bachenheimer waren Inhaber einer Schuh- und Möbelhandlung in der (heutigen) Frankfurter Straße Nr. 8 in Camberg. Die Geschäfte der Firma, die nach dem Geburts- und Familiennamen der verstorbenen ersten Ehefrau Strauss & Bachenheimer benannt war, liefen gut und die Familie hatte bis zu dem durch die Bürger von Camberg getragenen Boykott der jüdischen Geschäftsinhaber ihr Auskommen. Seligmann Siegfried Bachenheimer hatte aus seiner ersten Ehe mit Julie Bachenheimer, geb. Strauss drei Söhne. Kurt, geb. 17. Mai 1900, Walter, 16. November 1902 und Ernst, geb. 17. Januar 1905. Mit seiner Familie und der zweiten Ehefrau Paula bewohnte er ein gutbürgerlich eingerichtetes, großes Haus (damals Limburger Straße). Durch die per Gesetz vollzogene Ausplünderung der Juden im deutschen Reich wurde das Vermögen der Familie Bachenheimer aufgrund von "Judenvermögensabgabe" und "Reichsfluchtsteuer" sukzessive mithilfe von Finanzbehörden und kontrolliert durch die lokalen Geldinstitute dem NS-Staat zugeführt. Infolge des Boykotts jüdischer Geschäfte gingen die Einnahmen zurück. Zu Beginn des Jahres 1939, nachdem Juden per Gesetz nicht mehr Inhaber von Geschäften sein durften, (Gesetz zum Ausschluss der Juden aus dem Wirtschaftsleben) musste die Familie die Parterrewohnung ihres Hauses vermieten und zog in das 1. OG des Hauses, wo ihr noch drei Schlafzimmer, Küche und Bad zur Verfügung standen.

Sohn Kurt wanderte 1941 von Berlin über Spanien nach New York aus. Sohn Walter, der im Jahr 1933 Opfer einer gegen Camberger Juden gerichteten schweren Attacke geworden war und die Eltern noch einige Jahre im Familiengeschäft unterstützte, verließ Camberg am 20. Oktober 1937. Seine Frau Helen geb. David geb. am 25. November 1905 und Tochter Ellen geb. am 25. März 1935 folgten ihm am 01. September 1938 nach New York. Sohn Ernst wanderte ebenfalls nach New York aus und verließ Camberg am 18. Februar 1938.

Im Juli 1940 erkundigt sich der Landrat des Kreises Limburg brieflich beim Bürgermeister der Stadt Camberg über den Stand der "Entjudung der gewerblichen Wirtschaft". Weiterhin bittet er um Auskunft, welche vormals in jüdischem Besitz befindlichen gewerblichen Anlagen noch nicht in arischen Besitz übergegangen seien. Aus der Antwort des Bürgermeisters Dr. Lawaczeck vom 5. Dezember 1940 geht hervor, dass sich in Camberg noch das in der Limburger Straße 21 "jüdische Grundstück des Seligmann Israel Bachenheimer" befinde, "welches von dem nichtjüdischen Schreinermeister Jakob Peuser gewerblich genutzt" werde. "In dem Hintergebäude des Anwesens betreibt Peuser eine Schreinerei und im ersten Stock des Wohnhauses wird ein Raum als Verkaufsraum für Schreiner- und Haushaltsartikel verwandt. Die Veräußerung des Anwesens Bachenheimer an den Mieter Peuser" sei "angebracht, zumal Peuser reges Interesse für den Kauf des Anwesens" zeige.

Paula und Siegfried Seligmann Bachenheimer wurden Opfer der am 20. Juli 1942 auf Geheiß des Limburger Landrates Uerpmann angeordneten Deportation. Die Opfer mussten ihre Fahrkarten für die Zugfahrt selbst erwerben. Der Polizeiwachtmeister Mick, ein persönlicher Bekannter von Seligmann Bachenheimer, der nach eigener Auskunft gemeinsam mit ihm im 1. Weltkrieg gekämpft hatte, wo Siegfried Seligmann Bachenheimer seinen linken Arm verlor und mit dem Eisernes Kreuz II. Klasse ausgezeichnet wurde, wird nach Kriegsende zu seiner Mitwirkung bei den Deportationen befragt und erteilt Auskünfte über das Schicksal der Familie Bachenheimer. Diese habe er persönlich am 20. Juli 1942 nach Limburg begleitet. Siegfried Seligmann Bachenheimer habe ihm noch kurz zuvor eine Chronik mit Lebensdaten und Informationen über die Mitglieder der Camberger jüdischen Kultusgemeinde zur Aufbewahrung ausgehändigt, die allerdings im Jahr 1945 verschwunden sei. Von Limburg aus erfolgte die Deportation der Juden aus dem weiteren Umfeld der Kreisstadt im Sammeltransport nach Frankfurt, wo Paula Bachenheimer erkrankte. Sie wurde in das jüdische Krankenhaus in Frankfurt gebracht, wo sie am 19. August 1942 im 74. Lebensjahr verstarb. Ihr Ehemann Seligmann Siegfried Bachenheimer wurde am 22.07 in die Untersuchungshaftanstalt Frankfurt eingewiesen. Als Haftgrund wurde "JUDE" angegeben. Am 19. September 1942 deportierte man ihn in das Konzentrationslager Mauthausen. Seine Häftlingsnummer lautete 12929. Im KZ Mauthausen wurden die Gefangenen systematischer Folter aber auch medizinischen Versuchen unterzogen. Die Ermordung der Häftlinge erfolgte durch das Programm "Vernichtung durch Arbeit", vorwiegend in Steinbrüchen. Am 25. September 1942 wurde Siegfried Seligmann Bachenheimer, im 72. Lebensjahr stehend, im Konzentrationslager Mauthausen getötet. Als offiziell benannte Todesursache verzeichnet der Totenschein "Gehirnschlag". Das Anwesen der Familie Bachenheimer wurde durch den Mieter Jakob Peuser erworben. Dieser übernahm auch alle Gegenstände, die Paula und Siegfried Seligmann am 20. Juli 1942 dort hinterlassen hatten.

Quellen:
Akten des Stadtarchivs Bad Camberg (XIII 1-33)
Camberg. 700 Jahre Stadtrechte (1981) Hg. Magistrat der Stadt Bad Camberg
Chronik von Bad Camberg Albert Schorn o. J.
Akten des Hessischen Hauptstaatsarchives HHStAW Abt. 518/47325 1-4
Schmidt, Peter Karl "Die Judenschaft von Camberg, 300 Jahre jüdisches Landleben" Selbstverlag, 2014

Lebenslauf als PDF

Stand:14.01.14