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Moritz May

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eine mit Namen und Daten beschriftete Messingplatte
Dokumentation Stolpersteine Bad Camberg 2014

Bad Camberg, Frankfurter Straße 32

Passfoto eines Mannes
Bild des Reisepasses von Moritz May (Stadtarchiv Bad Camberg)

Moritz May

Geburtsdatum: 15.04.1865, Camberg
Deportation: 1938 unfreiwillig verzogen
nach Frankfurt/Main
Tod: 01.01.1942

Moritz May wurde am 15. April 1865 in Bad Camberg geboren. Seine Familie war in der hessischen Kleinstadt seit langer Zeit ansässig. Wie zahlreiche seiner Verwandten war Moritz May als Kaufmann tätig. In der Frankfurter Straße (heute Nr. 32) betrieb er zusammen mit seiner Frau, Hedwig May geb. Leopold, eine Eisenwarenhandlung. Der erste diesbezügliche Eintrag im Handelsregister der Stadt Camberg datiert vom 20. Oktober 1892.

Ganz besonders engagierte sich Moritz May, der auch Stadtrat war, im kulturellen und sozialen Leben seiner Heimatstadt. Eine Fotografie1 zeigt Moritz May im Kreise der städtischen Honoratioren, die sich im Taunusklub für die Hebung des Foto eines Hauses Ehemalige Eisenwarenhandlung May in Camberg. Das Ladengeschäft ist heute zweigeteilt. Durch Umbaumaßnahmen wurde die Fassade stark verändert. Links des Wohnhauses befinden sich noch die ehemals für das Warenlager und den Großhandel genutzten Räume. Etliche der Camberger Episoden, die von der May-Enkelin Sylvia Hurst in ihren Lebenserinnerungen Laugh or Cry niedergeschrieben wurden, ereigneten sich in diesen Gebäuden. touristischen Verkehrs im Taunus engagierten. Auch war er unter den Erstunterzeichnern des am 26. Juni 1926 im Bayerischen Hof durch den damaligen Bürgermeister Johann Pipberger gegründeten Kur- und Badevereins2. Die Unterstützung der damaligen "Taubstummenanstalt", einer Schule mit Internatsbetrieb, die im 19. Jahrhundert durch Freiherr von Schütz gegründet worden war, lagen Moritz May und seiner Frau Hedwig ganz besonders am Herzen. Alljährlich waren sie als Ehrengäste zu einer Benefizveranstaltung eingeladen3; eines der gesellschaftlichen Großereignisse im Jahresablauf.

Darüber hinaus war Moritz May über viele Jahre hinweg Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Camberg, deren Belange er gegenüber den Gremien der Stadt vertrat. Moritz May, der nach Auskunft4 seiner Enkelin Sylvia Hurst überaus musikalisch war und sich, wenn er eine Melodie gehört hatte, ans Klavier setzen und über das Thema frei improvisieren altes Gruppenfoto eines Vereins eine Namensliste als Bildunterschrift
Fotografie der Mitglieder des Camberger Taunusklubs (vor 1904). Moritz May mittels Pfeil gekennzeichnet. Rechts neben ihm sein Nachbar Alban Krings.
konnte, engagierte sich aber auch im literarischen Bereich. In der Stadt Bad Camberg war unter seiner Beteiligung bereits 1907 ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur gegründet worden5. Moritz May war dort als Gründungsmitglied im Vorstand aktiv und trug auf diese Weise zur Bereicherung des kulturellen Lebens der Kleinstadt bei. Gerne half Moritz May seinen Nachbarn, speziell wenn er dabei seine langjährige kaufmännische Erfahrung einbringen konnte.

Als Camberg Kurstadt wurde, erforderte dies ein Angebot für die damals noch weniger bekannte und schwer zugängliche Reformkost wie Joghurt, spezielle Gemüse- und Getreidewaren. Moritz May war seinem Nachbarn Joseph Krings, der zuvor ein Lebensmittelgeschäft betrieben hatte, bei den Planungen zur Angebotserweiterung behilflich6 und trug so zur Gründung des noch heute bestehenden Reformhauses Krings bei. ein Ehepaar Irma Fleischer, geborene May aus Camberg mit ihrem Ehemann Julius Fleischer im Jahr ihrer Hochzeit (1919) Dies allerdings hinderte den Inhaber des Reformhauses nicht, als einer der Ersten ein Schild in sein Schaufenster zu stellen, wonach Juden dort nicht mehr bedient würden. Die Familie May als unmittelbare Nachbarn mussten ihre Lebensmittel fortan in einem weiter entfernten Lebensmittelgeschäft erwerben.

Die Tochter von Hedwig und Moritz May, Irma (1894-1942), hatte 1919 den Fabrikantensohn Julius Fleischer (1882-1942) geheiratet und war nach Göppingen gezogen.

Die zwischen 1920 und 1927 geborenen vier Enkelkinder der Mays reisten in den Sommermonaten bis in die 30er Jahre regelmäßig nach Camberg und blieben dort für einige Wochen. Die Enkelkinder durften in allen Räumlichkeiten, auch im Ladengeschäft und dem darunter liegenden Lager spielen, was sich jedoch nach einem Vorfall, den Sylvia Hurst in ihrem Lebensbericht schildert7, änderte: In einer Ecke des Lagers hatten die Geschwister zum Verkauf stehende Luftgewehre entdeckt und damit Zielübungen gegen eine gekachelte Wand unternommen, wodurch diese komplett zerstört wurde. Als Strafe entzog Großvater Moritz May den Kindern das üblicherweise wöchentlich ausgezahlte Taschengeld für einige Zeit, außerdem erfolgte eine restriktivere Zuweisung der Spielflächen in Haus und Hof.

vier Kinder Die Enkelkinder der Familie May: Sylvia, Susan, Richard und Arnold Fleischer (von links nach rechts) im Jahr 1933 Mit dem Jahr 1933 änderten sich die Lebensbedingungen in Camberg fundamental. Der langjährige Bürgermeister Johann Pipberger, an dessen Seite Moritz May sich lange für das Wohl der Kurstadt engagiert hatte, war durch die NS-Machthaber aus dem Amt getrieben worden.

Das Ladengeschäft der Mays wurde boykottiert, wobei sich auch ehemalige Freunde und Weggefährten aus der Vergangenheit an den antijüdischen Protestaktionen vor den Ladengeschäften beteiligten.8 Die Umsätze gingen zurück und das Personal musste, auch wegen der Vorgaben der Nürnberger Gesetze (1935), entlassen werden. Moritz May, der im Besitz eines Reisepasses9 war, stand unter besonderer Aufsicht von Seiten der Finanzbehörden.

ein Mann sitzt auf einem Stuhl Moritz May, etwa 60-jährig, im Hof seines Camberger Hauses Sein Vermögen wurde eingefroren. Per Bescheid vom 25. Oktober 193810 erfolgte die Sicherungsanordnung gegen Moritz May, Camberg, Frankfurter Straße 6: Es besteht der Verdacht, dass Obengenannter zu einem späteren Zeitpunkt auswandert. Zur Vermeidung der unrechtmäßigen Verwendung von Geldmitteln gem. §37a... werden die Vermögenswerte vorläufig sichergestellt.

Der neue Bürgermeister Dr. Ernst Lawaczeck, ein Nationalsozialist der ersten Stunde11, und bereits in den 20er Jahren in die Partei eingetreten, ging mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Camberger Juden12 vor. Ein besonderes Anliegen war ihm die Aneignung der noch im Besitz der jüdischen Kultusgemeinde befindlichen Immobilien. Um diese der Stadt Camberg möglichst kostenfrei einzuverleiben, kooperierte er eng mit dem NS-Landrat Uerpmann. Sein Bruder Dr. Paul Lawaczeck, ebenfalls in Camberg wohnhaft, war zeitweise stellvertretender Landrat des Landkreises Limburg. Unmittelbar nach der Pogromnacht vereinbarte das Landratsamt mit dem Camberger Bürgermeister folgendes Prozedere: Ich empfehle zunächst, mit den Verhandlungen über den Erwerb des Grundbesitzes der Kultusgemeinde abzuwarten. Wenn die Juden alle fort sind, hat ja auch die Kultusgemeinde kein Betätigungsfeld mehr und der letzte Jude wird dann ja wohl oder übel gezwungen sein, das Eigentum der Kultusgemeinde auch ohne Entrichtung eines großen Kaufpreises abzugeben.13

Moritz und Hedwig May waren als Reaktion auf die Gewalttaten und Verwüstungen während der Camberger Pogromnacht nach Frankfurt geflohen, und wurden nicht mehr Zeugen der Enteignung der Besitztümer der Kultusgemeinde, in der Moritz May lange Jahre in Verantwortung tätig gewesen war. Die Sprachführung in dem Schreiben verdeutlicht drastisch, welche Änderungen im gesellschaftlichen Klima eingetreten waren. Die ehemals geachteten Bürger, Kulturträger und Beförderer von Gemeinwohl und sozialem Miteinander wurden durch die Nationalsozialisten allenfalls noch als Objekte der finanziellen Ausplünderung angesehen. Auch die für die Kultusgemeinde bedeutsamen Stätten religiösen Lebens wurden von den NS-Machthabern nur unter dem Gesichtspunkt des Immobilienwertes betrachtet. Nach der Entrechtung und Enteignung der Juden erfolgte als nächster Schritt die Deportation und systematische Ermordung der Juden, von den NS-Machthabern bereits in den 30er Jahren öffentlich angekündigt und unter aller Augen öffentlich vollzogen.

ein altes Dokument mit Stempeln und Unterschriften Der Verlust jeglicher gesellschaftlichen und kulturellen Beteiligungsmöglichkeit durch den Ausschluss der Juden aus dem Vereins- und Wirtschaftsleben muss Moritz May ebenso schmerzlich getroffen haben wie der durch die NS-Gesetzgebung erzwungene Verkauf der von ihm aufgebauten Eisenwarenhandlung. Die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben14 untersagte Menschen jüdischen Glaubens mit Wirkung zum Jahresende 1938 den Betrieb von Einzelhandelsverkaufsstellen. Für 25.000 RM15 wechselten Wohnhaus und Ladengeschäft samt Inventar, dem von Moritz May geliebten Klavier, und sämtlicher Eisenwaren am 18. Oktober 1938 den Besitzer. Mit Schreiben16 vom 23. September 1938 war dem neuen Eigentümer die Genehmigung zur Übernahme der Eisenwarenhandlung erteilt worden.

Die Zusatzklauseln in dem notariellen Kaufvertrag sahen ein Wohnrecht der Mays im ersten Stock des Hauses bis zum Jahresende 1938 vor. Die Formulierungen in der Klausel verdeutlichen auch den Wunsch von Hedwig und Moritz May, in Camberg bleiben zu wollen. Die Enkelin Sylvia Hurst berichtet17 davon, dass Moritz May dem neuen Besitzer anbot, ihm in der Anfangsphase der Geschäftsübernahme zu helfen. Dies scheint auch ein verzweifelter, letzter Versuch gewesen zu sein, die NS-Gesetzgebung zu unterlaufen und mit der zwangsweise verkauften Eisenwarenhandlung noch in Verbindung bleiben zu können.

Durch die Flucht des Ehepaares nach Frankfurt erhofften Moritz und Hedwig May, wie viele Juden aus ländlichen Gebieten, in der Anonymität der Großstadt Schutz vor weiterer Verfolgung zu finden.18 Diese Annahme sollte sich als falsch herausstellen.

Vorderseite eines Hauses Guiollettstraße 59 (aufgenommen 2012) im Frankfurter Westend. Hier lebten Moritz und Hedwig May (1.OG) von November 1938 bis zum Tod von Moritz May im Januar 1942. Auch in Frankfurt verschärften sich die Lebensumstände zunehmend. Zwar versuchte das Ehepaar May soweit wie es möglich war, in ihrer unmittelbar neben dem Britischen Konsulat gelegenen Frankfurter Wohnung einen Treffpunkt19 für Freunde und Verwandte zu installieren. Von dort aus konnten Emigration und Flucht leichter vorbereitet werden. Dies, wie auch die häufigen Besuche der Tochter Irma aus Göppingen, konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass für Moritz May mit der Vertreibung aus Camberg ein großer Teil des Lebensmittelpunkts weggebrochen war. Seine Enkelin berichtet davon, dass er sich nicht an die ihm verordnete Untätigkeit gewöhnen konnte. Obwohl es in Camberg Tage gab, an denen niemand das Ladengeschäft aufsuchte, war Moritz May bis zum Schluss vom Morgen bis zum Abend auf irgend eine Weise dort tätig, weil es seiner jahrelangen Routine entsprach.

Am 07.02.1940 forderte die Oberfinanzdirektion Kassel eine Sicherungsanordnung von Moritz und Hedwig May ein. Aus der Aufstellung20 über Vermögen, Einkünfte und Verbrauch geht hervor, dass sich das Vermögen der Familie May durch die fiskalischen Zwangsmaßnahmen gegen Juden (Judenvermögensabgabe, Reichsfluchtsteuer) sowie dem unausweichlichen Verkauf des Wohn- und Geschäftshauses zu einem sehr niedrigen Preis drastisch verringert hatte.

Moritz May muss, um monatlich den Betrag von RM 600,-- aus dem eigenen Vermögen zur Verfügung gestellt zu bekommen, detailliert über den Verbrauch Buch führen und die Ausgaben, inklusive der Kosten für Medikamente und Bandagen,21 exakt dokumentieren. Seine Herzerkrankung verschlimmerte sich und er konnte, da es Juden in Frankfurt nicht gestattet war, die öffentlichen Bänke zu benutzen, die Wohnung kaum mehr verlassen. Am 1. Januar 1942 starb Moritz May in der Frankfurter Guiollettstraße. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof, Eckenheimer Landstraße 238, beigesetzt.

ein Grabstein liegt im Gras Grabstelle von Moritz May aus Camberg (Querachse 1 links 5) Neuer Jüdischer Friedhof Frankfurt, Eckenheimer Landstraße. Seine Tochter und sein Schwiegersohn, die im November des Vorjahres aus Göppingen gemeinsam mit ihrem Sohn Richard deportiert worden waren, konnten an der Beerdigung nicht teilnehmen. Vom Tod des Vaters und Schwiegervaters erhielten sie keine Kenntnis. Kurze Zeit nach der Deportation wurden sie in Riga ermordet. Der Enkelsohn Richard überlebte die Tortur etlicher Lager. Zum Ende des Krieges und nach seiner Befreiung kämpfte er auf Seiten der Roten Armee. Die drei älteren Enkelkinder konnten durch die Weitsicht ihrer Eltern mit Kindertransporten Richtung England vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gerettet werden.

Hedwig May, überlebte ihren Mann um etwas mehr als zwei Jahre. Aus der Guiollettstraße 59 wurde sie im Juli 1942 in das Frankfurter Ghettohaus in der Gaußstraße 14 verwiesen, von dort aus am 15. September 1942 zunächst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Quellen:
[1] Albert Schorn. Camberg in Wort und Bild (1904) S. 120.
[2] StAC Liste Beitrittserklärung Bade- und Kurverein. XV 56 Fasz. 11a
[3] Hurst, Sylvia. Laugh or Cry. Book Guild Sussex (2006) S.35 f.
[4] Tonbandprotokoll vom 31. 12 2012 im Besitz der Verfasserin
[5] Hausfreund für den Goldenen Grund 11/1907.
[6] Mail Sylvia Hurst via Liz Finnigan 4. Oktober 2012.
[7] Hurst (2006) S. 38 ff.
[8] Dazu: Robert Marcus May. A Family History. 02/2006. StAC
[9] StAC XVIII 13/13
[10] HHStAWi. Abt. 519/3 Devisenakte Moritz und Hedwig May. Nr. 4757-4758
[11] Geschichte der NSDAP Kreis Limburg. In: Hausfreund für den Goldenen Grund 24. 2.1934. Abgedruckt in: Camberg. Der Nationalsozialismus in einer Kleinstadt. Hessisches Institut für Lehrerfortbildung (1993) S.41.
[12] StAC XIII Abschn. 1/1 Erlass, Rundschreiben und Schriftverkehr gegen jüdische Einrichtungen und Ausschluss der Juden aus der Gemeinschaft.
[13] StAC. III Schreiben vom 5.12.1938 an den Herrn Bürgermeister in Camberg.
[14] RGBl. 1938 I S. 1580.
[15] HHStaWI 519/A Nr. Wsb 766.
[16] StAC XXIII 53a
[17] Tonbandaufnahme 31.12.2012. Im Besitz der Verfassserin.
[18] Dazu: Kingreen, Monica. Zuflucht in Frankfurt. Zuzug hessischer Landjuden und städtische antijüdische Politik. In: Nach der "Kristallnacht". Hg. Monica Kingreen (1999)
[19] Hurst (2006) S. 323.
[20] HHStaWi Abt. 519/3-4757
[21] HHStaWI Abt. 519/3 Nr. 4757

Lebenslauf als PDF

Verfasserin: Martina Hartmann-Menz, Stand:02.01.14

 

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