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Hedwig May

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eine mit Namen und Daten beschriftete Messingplatte
Dokumentation Stolpersteine Bad Camberg 2014

Bad Camberg, Frankfurter Straße 32

Schwarzweiss Portätfoto einer Frau im schwarzen Kleid
Hedwig May

Hedwig May

Geburtsdatum: 07.11.1870, Nastätten
Deportation: 1938 unfreiwillig verzogen
nach Frankfurt/Main
15.09.1942 Theresienstadt
16.05.1944 Auschwitz
Tod: im Mai 1945 für tot erklärt

Hedwig May wurde am 07.11.1870 in Nastätten als Tochter des dortigen Kultusvorstehers Julius Leopold geboren. Ihr Vater war auch Stadtrat in Nastätten. Sie heiratete in das nahe gelegene Bad Camberg. Ihr Ehemann, Moritz May, entstammte der alteingesessenen Camberger Familie May, die aus mehreren Zweigen bestand. Die Mays waren in der Taunusgemeinde religiös, sozial, nachbarschaftlich und vor allem kulturell verankert. Hedwig May betätigte sich ehrenamtlich im Krieger-Hilfskomitee des Vaterländischen Frauenvereins.1 Ein besonderes Anliegen war den Mays die Unterstützung der sog. Camberger "Taubstummenanstalt" (später nach ihrem Gründer Freiherr von Schütz-Schule genannt). Die wegen ihrer Wohltätigkeit in Camberg geachteten Mays, die im Erdgeschoss und einem Nebengebäude ihres Wohnhauses in der Frankfurter Straße eine große Metallwarenhandlung betrieben, waren alljährlich als Ehrengäste beim Benefiz-Ball zugunsten der Schule geladen.2

Die Tochter der Familie May, Irma, wurde im Jahr 1894 geboren. Im Jahr 1919 heiratete sie den Göppinger Korsettfabrikanten Julius Fleischer. Die in den Jahren 1920-1927 geborenen Enkelkinder der Mays reisten regelmäßig in den Sommerferien mit dem Zug nach Camberg. Familienfoto Hedwig May (rechts) mit Enkeltochter Susan auf dem Schoß, Tochter Irma (stehend) Enkelkinder Sylvia (mit Schleife) und Arnold mit Urgroßvater Leopold. Aufgenommen anlässlich eines Ferienaufenthalts in Camberg um 1925. Dort blieben sie mehrere Wochen und verbrachten die Ferientage zwischen der Camberger Altstadt, dem nahegelegenen Wald und dem Ladengeschäft in der Frankfurter Straße, wo sie manchen Streich verübten. Besonders eindrücklich sind den Enkelkindern die religiösen Riten in Erinnerung geblieben, die im Hause May anlässlich der wöchentlichen Feier des Schabbat praktiziert wurden. Die Enkelkinder wuchsen in Göppingen als Reformjuden auf. Der Camberger Großvater war über mehrere Jahre Vorsteher der dortigen Kultusgemeinde, was die unterschiedliche religiöse Lebenspraxis in Göppingen und Camberg erklärlich macht. An den von der Großmutter Hedwig liebevoll mit Kristallgläsern und feinem Geschirr gedeckten Tisch erinnert sich die 1922 geborene Enkelin Sylvia Hurst, aber auch an den feierlichen Moment, wenn die Großmutter kurz vor Sonnenuntergang die Kerzen anzündete3, wie es die traditionelle Rollenaufteilung im Judentum für die Frau des Hauses vorschreibt. In einer Hinsicht wurden die Enkelkinder von Großmutter Hedwig besonders verwöhnt: Da die Eltern in Göppingen Anhänger der Lebensreformbewegung waren, gab es dort einen kargen Speiseplan. In diesem waren Schokolade, Weißbrot und als ungesund verpönte Nahrungsmittel tabu. Hedwig May orderte, wenn die Enkelkinder zu Besuch kamen, hundert Eier zusätzlich beim Bauern, es gab Weißbrot aus der nahe gelegenen Bäckerei, jeden Tag ein Stück Schokolade für jedes Kind und auch sonst viele Freiheiten. Einzig den Mittagsschlaf mussten die Kinder einhalten. Das pünktliche Erscheinen bei den Mahlzeiten, mit gewaschenen Händen, die von der Großmutter kontrolliert wurden, war ebenfalls Pflicht.

vier Kinder Die vier Enkelkinder von Hedwig und Moritz May (um 1934) Mit Beginn der 30er Jahre verschärfte sich die Situation für die einstmals geachteten Bürger und Wohltäter ihrer Heimatgemeinde. Die systematische, durch die Finanzbehörden ins Werk gesetzte Ausplünderung der Juden durch die Instrumente der Ausplünderung (Judenvermögensabgabe, Reichsfluchtsteuer) betraf die Mays ebenso wie der Boykott ihres Metallwarengeschäftes und die sozial-gesellschaftliche Diskriminierung und Marginalisierung. Der zwischen Camberg und Göppingen geführte Briefwechsel zwischen der Tochter Irma, der Zeugnis von den Empfindungen ablegen könnte, die Hedwig May angesichts der sich in Camberg drastisch zuspitzenden Situation gehabt haben muss, ist nach der Deportation und Ermordung von Mutter, Tochter und Schwiegersohn nicht mehr auffindbar.

Angesichts einer Episode, von der Sylvia Hurst in ihren Lebenserinnerungen berichtet, kann trotzdem nachvollzogen werden, was Hedwig May angesichts der zunehmenden Bedrohung und Entrechtung der Deutschen jüdischen Glaubens empfunden haben mag: Die Enkelkinder waren, vermutlich im Jahr 1933, im Sommer zu Besuch in Camberg. Einige Jungen auf der Straße beschimpften sowohl Sylvia, als auch ihren Bruder Arnold als "dreckige Juden". 4 Die Reaktion Hedwig Mays war abwehrend; sie versuchte, das beleidigende Verhalten gegenüber ihren Enkelkindern mit mangelnder Bildung zu begründen.

Durch den Boykott jüdischer Geschäfte gingen die Umsätze der Metallwarenhandlung ab 1933 zurück. Auch ehemalige Nachbarn und Freunde trugen den Boykott in Camberg mit. Die Hitlerjugend patroullierte vor dem Ladengeschäft und versuchte, potentielle Kunden fernzuhalten.

Das Klima in Bad Camberg war durch die Präsenz der früh im Gedankengut des Nationalsozialismus verankerten Familie Lawaczeck geprägt. Diese stellte nach 1933 nicht nur den Bürgermeister, sondern auch weitere Funktionäre in der Region.5

Nahezu das gesamte Hauspersonal, das die Mays ehedem beschäftigt hatten, musste entlassen werden. In dem in unmittelbarer Nachbarschaft befindlichen Lebensmittelgeschäft Krings wurde durch ein Schild darauf hingewiesen, dass Juden dort nicht mehr bedient würden. Die Familie May, mit dem Betreiber über lange Jahre in Nachbarschaft freundschaftlich verbunden, mussten ihre Einkäufe nun in einem weiter entfernten Einzelhandelsgeschäft tätigen.

Die Enkelin Sylvia reiste im Sommer 1935 für einige Monate nach Camberg, um ihren Großeltern, denen aufgrund der Nürnberger Gesetze die Beschäftigung von Ariern untersagt war, im Geschäft behilflich zu sein. Die Ausgrenzung der Juden aus dem sozialen Leben bedeutete für Hedwig May auch das erzwungene Ende ihres karitativen Engagements in Bad Camberg, das ihr zeitlebens wichtig war. Aus einem Zeitungsaufruf der Frauenschaftsleiterin Lawaczek (1933) geht hervor, dass im gemeinnützigen Wirken nunmehr die deutsche Frau6 erwünscht sei, wodurch Menschen jüdischen Glaubens und damit Hedwig May nach der Definition des NS ausgeschlossen waren.

Im Jahr 1938 wurden die Mays gezwungen, ihr Haus mit dem darin befindlichen Ladengeschäft, sowie einen Acker in Bad Camberg zu verkaufen. Die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben7 untersagte Menschen jüdischen Glaubens mit Wirkung zum Jahresende 1938 den Betrieb eines Handwerkbetriebes oder von Einzelhandelsverkaufsstellen. Für 25.000 RM8 wechselten Wohnhaus und Ladengeschäft samt Inventar und sämtlicher Eisenwaren, darunter vieler wertvoller Öfen für die Gastronomie, weit unter Wert am 18. Oktober 1938 den Besitzer. Ludwig Weigand, der in eine Camberger Familie eingeheiratet hatte, war der neue Eigentümer. Die Zusatzklauseln in dem notariellen Kaufvertrag sahen unter §6 ein Wohnrecht der Mays im ersten Stock des Hauses bis zum Jahresende 1938 vor. Die Formulierungen in der Klausel verdeutlichen auch den Wunsch von Hedwig und Moritz May, in Camberg bleiben zu wollen. Dennoch flohen beide unter dem Eindruck der Pogromnacht nach Frankfurt. Sie konnten nur wenig Mobiliar mitnehmen. In der Guiollettstraße 59 im Frankfurter Westend fanden sie eine Wohnung. Wie so viele hofften sie, in der Anonymität der Großstadt unterzutauchen9 und so Schutz vor Verfolgungen finden zu können.

Die Lebensumstände in Frankfurt gestalteten sich für Hedwig und Moritz May schwierig. Die Unterlagen in der Devisenakte10 belegen den andauernden Kampf um die Verfügungsmöglichkeit über das eigene Vermögen. Wie bereits in Camberg, wo die Zweigestelle der Nassauischen Landesbank ihr Vermögen kontrollierte, mussten Hedwig und Moritz May auch in Frankfurt über alle Ausgaben (Miete, Telefon, Kosten für Medikamente usw.) detailliert Buch führen. Eine Weigerung hätte die Einstellung der monatlichen Bereitstellung von RM 600,-- aus dem eigenen Vermögen bedeutet. Der Handlungsspielraum war nicht nur durch die ökonomischen Repressalien, sondern auch wegen der Ausgrenzung der Juden aus dem Kulturleben minimal. Der Besuch eines Kinos oder von Kultur- bzw. öffentlichen Veranstaltungen war Juden per Gesetz verboten. Die Frankfurter Wohnung der Mays entwickelte sich dennoch zu einem Treffpunkt für Freunde, Bekannte und Familienangehörige, die in die Großstadt gingen, um ihre Flucht- und Auswanderungspläne zu konkretisieren.11 Eine letzte Begegnung zwischen Hedwig May und ihrer Enkeltochter Susan wurde 1939 in Frankfurt möglich, bevor diese durch Initiative ihrer Eltern, Irma und Julius Fleischer von Göppingen aus mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht werden konnte.

Foto eines Hauses Gaußstraße 14 in Frankfurt am Main im Jahr 2012. Aus diesem Haus wurde Hedwig May im September 1942 von der Gestapo verhaftet. Am 1. Januar 1942 starb Moritz May an den Folgen einer Herzkrankheit, die sich nach der Flucht aus Bad Camberg verschlechtert hatte. Für Hedwig May bedeutete dies eine weitere drastische Beeinträchtigung ihres Status. Zusätzlich musste sie, die in regelmäßigem telefonischen Austausch mit ihrer Tochter Irma in Göppingen stand, spätestens zum Jahresende 1941 darüber informiert gewesen sein, dass Tochter und Schwiegersohn am 28. November 1941 aus Göppingen deportiert worden waren.12 Aus den Akten geht hervor, dass auch die Beerdigungskosten, sowie die Anfertigung einer schlichten Grabplatte für ihren Ehemann zu Auseinandersetzungen mit den Finanzbehörden führten, da die dadurch entstandenen Kosten den monatlich zur Verfügung bestehenden Betrag überschritten. Im Juli des Jahres 1942 wurde Hedwig May im Kontext der NS-Kampagne zur Entjudung des Wohnraumes in das Ghettohaus Gaußstraße 14 in Frankfurt zwangsweise umgesiedelt.13 Dort lebte sie, gemeinsam mit anderen unter miserablen infrastrukturellen Bedingungen.

Buchcover mit Fotos von Leuten und von einem Haus Buchdeckel der Publikation von Renate Hebauf (2010) über das Ghettohaus in der Frankfurter Gaußstraße 14 in dem Hedwig May bis zu ihrer Deportation leben musste.. Aus einem Anschreiben14 der Oberfinanzdirektion Kassel an die Witwe Moritz May vom 03.09.1942 welches an die Adresse Gaußstraße 14 gerichtet war geht hervor, dass Hedwig May abermals eine Aufstellung der gegenwärtigen Ausgaben für Ihren Lebensunterhalt einreichen musste, um so die Auszahlung des monatlichen Minimalbetrages zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes sicherzustellen.

Am 15. September 1942 wurde Hedwig May von Frankfurt am Main nach Theresienstadt deportiert. Von dort aus erfolgte am 16. Mai 1944 die weitere Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz. Dort wurde Hedwig May ermordet und im Mai 1945 für tot erklärt. Der letzte Eintrag in der Devisenakte erfolgte mittels des Formblatts 1073a. Mit Datum vom 17.10.1942 ist dort vermerkt: Aufgrund der Gestapo-Listen evakuierter Juden wird der Nassauischen Landesbank mitgeteilt, dass das Vermögen eingezogen und die Sicherungsanordnung erledigt sei.

Die Enkelkinder von Hedwig und Moritz May überleben den Holocaust. Richard, der Jüngste, der 1927 geboren war, verblieb ein Stein liegt auf einer an einer Mauer angebrachten Platte mit Namen und Daten zunächst noch bei seinen Eltern in Göppingen. Diese waren der Auffassung, er sei noch zu jung, um mit einem Kindertransport nach England zu reisen. Infolge dessen wurde er mit seinen Eltern deportiert und überlebte mehrere Konzentrations- und Internierungslager. Nach seiner Befreiung durch die Rote Armee schloss er sich dieser bis zum Ende des Krieges15 an.

Ein Erinnerungsstein in der Gedenkmauer am Frankfurter Börneplatz erinnert an Hedwig May.

Quellen:
[1] 700 Jahre Stadtrechte Bad Camberg. Hg.U. Lange (1981) S. 237 ff. Ein Abgleich eines Fotos der Aktiven im Vaterländischen Frauenvereins (abgedruckt bei Schorn 1904) lässt daran Zweifel aufkommen. Möglicherweise handelt es sich bei der Abgebildeten um Flora May, geb. Turkheimer, Schwägerin von Hedwig May. Und Ehefrau von Hermann May, Bruder von Moritz May. Diese betrieb in unmittelbarer Nähe des Metallwarengeschäfts eine Textil- und Stoffhandlung. Womöglich waren beide Frauen in dem Verein aktiv.
[2] Dazu: Hurst, Sylvia. Laugh or Cry. Book Guild Sussex (2006) S.35 f.
[3] Hurst (2006) S. 34 ff.
[4] Hurst (2006) S. 40 f.
[5] Dazu: Geschichte der NSDAP Kreis Limburg. In: Hausfreund für den Goldenen Grund Februar 1934. In: Camberg. Der Nationalsozialismus in einer Kleinstadt. Hessisches Institut für Lehrerfortbildung (1993) S.41.
[6] Abgedruckt in: Camberg. Der Nationalsozialismus in einer Kleinstadt (1993) S. 12. Aufruf der Frauenschaftsleiterin zur Versammlung in der Taubstummenanstalt vom 9.5. 1933.
[7] RGBl. 1938 I S. 1580.
[8] HHStaWI 519/766.
[9] Dazau: Kingreen, Monica. Zuflucht in Frankfurt. Zuzug hessischer Landjuden und städtische antijüdische Politik. In: Nach der "Kristallnacht". Hg. Monica Kingreen (1999).
[10] HHStaWI 519/3 Nr. 4757
[11] Hurst (2006) S. 323 ff.
[12] Inwieweit sie im Verlauf des Jahres 1942 in Kenntnis gesetzt war, dass ihr Schwiegersohn an den Folgen von Deportation, Hunger und Entkräftung im Februar 1942 in Riga gestorben und die Tochter ermordet worden war, ist aus den Akten nicht zu erschließen.
[13] Siehe dazu: Hebauf, Renate. Gaußstraße 14. Ein Ghettohaus in Frankfurt am Main. Die Geschichte eines Hauses und seiner jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner zwischen 1912 und 1945 (2010). Mit Erwähnung von Hedwig May und der Schilderung der dortigen Lebensverhältnisse.
[14] HHStaWi Abt. 519/3 4757
[15] Hurst (2006) S. 360.

Lebenslauf als PDF

Verfasserin: Martina Hartmann-Menz, Stand:11/2012 ergänzt 01/2014